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Eine hübsche Stumpertenröderin rettete ihr Dorf vor der Einäscherung durch die französischen Soldaten
Die Geschichtsschreibung befasst sich mit den großen Zusammenhängen, die zu Kriegen, Eroberungen, Staatenbildungen, Siegen und Niederlagen führen. Namen von Heerführern, Kaisern und Königen,
Religionsgründern und Märtyrern erhalten sich oft Jahrhunderte, ja Jahrtausende. Doch die Millionen der Ungenannten, für die oder gegen die Siege errungen, Staaten gebildet, Religionen eingeführt oder
Niederlagen ertragen werden, sind nur die Bewegungsmasse. Ihre Namen spielen keine Rolle. Und doch setzt sich die „große Geschichte“ letztlich aus allen ungenannten Einzelschicksalen der in der Masse
untergehenden Individuen zusammen. Leider ist es noch keinem Kaiser, keinem König und auch keinem Religionsgründer oder -führer gelungen, Kriege zu verhindern und die Menschheit von dieser Geißel zu
befreien.
Der Einäscherung entgangen
Neben der „großen Geschichte“ gab und gibt es immer wieder die kleinen Geschichten des Einzelnen. Sie sind in verstaubten Chroniken aufzuspüren (und werden schnell vergessen). Einige wenige aus dem
heimatlichen Bereich, über die längst Gras gewachsen ist, sollen hier noch einmal beleuchtet werden.
Im Jahre 1796 begannen französische Revolutionsheere große Teile Hessens und der Rheinlande zu besetzen. Auch Oberhessen blieb nicht verschont. Selbst in den dünnbesiedelten Vogelsberg rückten die
Truppen vor. Da die Franzosen in vielen Ortschaften dort nur mit wenigen Soldaten vertreten waren, bangte mancher Einheitsführer um die Sicherheit seiner Truppe. Denn diesen verschlossenen, wortkargen
Vogelsbergern trauten sie nicht über den Weg.
Zusammenrottungen verboten
Die Truppenführer ließen darum in den Dörfern bekannt machen, dass das Zusammenrotten der Einheimischen bei Todesstrafe verboten sei, und sollten die Sturmglocken geläutet werden, so würde der Ort
eingeäschert
Die Vogelsberger gingen ihrer Arbeit nach und ließen die fremden Soldaten „links liegen“.
Doch das war nicht immer möglich, denn schließlich waren viele der Soldaten in den Häusern einquartiert. So kam es, dass in Stumpertenrod im März 1798 in einem Bauernhaus eine heftige Schlägerei
zwischen Einheimischen und französischen Soldaten ausbrach, wobei mehrere Beteiligte schwere Blessuren davontrugen.
Die Auseinandersetzung war so heftig, blutig und laut, dass Otto Rieb, Schulmeister und Küster zugleich, in die Kirche eilte und die Sturmglocke läutete, um Hilfe aus dem Dorf herbeizuzitieren. Aber
gerade das war ja von den Franzosen strikt unter schwerer Strafandrohung verboten worden (weil sie befürchteten, „dass der Feind herbeigeholt“ werden solle).
Bürgermeister Heinrich Johann Schleuning (1807-1900), hat von Augenzeugen des damaligen Geschehens genaue Schilderungen erhalten und diese schriftlich niedergelegt. So berichtet er: "General Hagmin,
welcher zu der Zeit in Gießen kommandierte, war den gegebenen Befehlen nach zur Einäscherung in die Notwendigkeit versetzt, wenn die Schuld der Schlägerei den Einheimischen zur Last fiel.“ So ließ der
durch ein besonderes Gericht die Hintergründe der Auseinandersetzung feststellen. „Die seinerzeit in Gießen stationierte Kriegskommission hatte, um die Bauern zur Rechenschaft zu ziehen, wenn sie vom
Kriegsgericht überwiesen wurden, einige Mitglieder aus ihrer Mitte dahin deputiert, darunter namentlich den Professor Crome“, vermittelt der Stumpertenröder Bürgermeister. Crome habe französisch
gesprochen und als Dolmetscher zwischen den Einheimischen und den Franzosen gedient. Schleuning teilt weiter mit, „außer der in Stumpertenrod garnisierten Companie Infanterie noch andere aus Lauterbach
und dazu eine Eskadron Cavalerie vom 6. Chasseur-Regiment aus Alsfeld beordert wurden“, die Stumpertenrod so umzingeln mussten, dass niemand den Ort verlassen konnte. „Auch wurde das Rathaus, das Lenz‘sche
Haus, besetzt, wo das Kriegsgericht tagte und die lnculpierten zu Protokoll genommen wurden.“
Es stand schlecht
Die Verhöre fielen für die Stumpertenröder schlecht aus, denn natürlich versuchten die französischen Soldaten die Schuld für die Schlägerei den Einheimischen anzulasten. Die Gefahr, daß das Dorf
eingeäschert würde, rückte immer näher.
In Professor Crome hatte Stumpertenrod jedoch einen guten und gewitzten Fürsprecher. Vor den Vernehmungen hatte er sich im Dorf umgehört und selbst einige Augenzeugen befragt. Auch schien er viel von der
französischen Mentalität zu verstehen und deren Einstellung zu hübschen Frauen.
Als die Zeugenbefragung vor Gericht schon fast beendet war und es so schien, dass der Brandbefehl gegeben werde, bat Crome das Gericht, noch eine Zeugin vorführen zu dürfen. Das wurde genehmigt.
Bildhübsche Zeugin
Cromes Entlastungszeugin war die junge Frau Anna Dorothea Schleuning, geb. Neeb, in deren Haus die blutige Rauferei stattgefunden hatte. Anna Dorothea, „seit mehreren Wochen Kindbetterin“, war in der
Stube gegenwärtig, als alles begann. Sie konnte genau schildern, warum sich die Streitenden in die Haare geraten waren. „Wohl gekleidet und ihr neugeborenes Kind auf dem Arm“, so wird geschildert,
erschien sie vor dem Kriegsgericht.
Bildhübsch, aber bleich und leidend aussehend, erzählte sie ruhig und besonnen, was sie erlebt hatte. Die Franzosen baten sehr höflich, Anna Dorothea möge doch Platz nehmen, und Crome übersetzte ihre
Darlegungen. “Alles, was sie mit dem Ausdruck von Aufrichtigkeit, Sorgen und Angst um ihr Dorf, und besonders um ihren Gatten, dessen Freiheit und Zukunft der Familie (denn er war an der Schlägerei
beteiligt gewesen) auf dem Spiel stand, aussagte und zur Entschuldigung und Rechtfertigung der Bauern dienen mochte, wurde willfährig und gläubig aufgenommen und festgehalten“, ist dokumentiert.
In Arrest gebracht
Die hübsche, junge Bäuerin machte großen Eindruck auf die Franzosen, und sie glaubten ihren Ausführungen, wonach die französischen Soldaten den Streit vom Zaun gebrochen hatten. Fünf der schuldigen
Franzosen wurden bestraft und nach Mainz in Arrest gebracht. Die beteiligten Bauern einschließlich des Küsters, der verbotenerweise die Sturmglocke geläutert hatte, wurden der Kriegskommission übergeben
aber das Dorf blieb von der Einäscherung verschont. Anna Dorothea hatte es vor den Flammen gerettet.
So geht es aus den Aufzeichnungen des Bürgermeisters Schleuning sowie aus biographischen Notizen des Rektors der Gießener Universität August Crome hervor.
übrigens trafen sich nach der Unteilsverkündung am 1. Pfingstfeiertag die Stumpertenröder im Pfarrhaus und feierten die Erhaltung ihres Ortes mit einem guten Essen, wie überliefert ist. Stumpertenrod
war noch einmal davongekommen.
Text: © 1997 Karl Brodhäcker, Alsfeld
Foto: Aufnahme von 1898 - Festspiel zur 100sten Wiederkehr der Errettung Stumpertenrods -
aus dem Archiv H. Ling, Feldatal-Stumpertenrod
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